Zur Jahreslosung 2021

Liebe Gemeindeglieder,
auf den ersten Blick stellt sich die Frage, ob dieses Wort Jesu, das zur Jahreslosung 2021 gewählt worden ist, wirklich in unsere Zeit passt. Ist nicht schon das Wort „Barmherzigkeit“ etwas Altmodisches?

Denn wir können auch in Zukunft nicht darauf verzichten, zu urteilen und zu unterscheiden. Wir wollen den mündigen Menschen:
Er soll seine Urteilskraft schulen, fördern und stärken. So sind wir aufgewachsen und so erziehen wir auch unsere Kinder in den Familien, in Schulen, in Ausbildungsstätten und im Berufsleben. Damit wir in der Lage sind, uns ein selbständiges und ideologiefreies Urteil zu bilden. Auch Urteile über Menschen gehören dazu. Gesetze und Rechte sind zu beachten. Was würde passieren, wenn es in unserer Welt kein Richten und Verurteilen mehr gäbe? Das Böse würde überhandnehmen. Es ist erschreckend zu sehen, wieviele sich im Internet und im öffentlichen Leben hasserfüllt austoben, keine andere Meinung gelten lassen wollen, deren Vertreter die Feindschaft erklärt wird. Die Würde des Menschen wird mit
Füßen getreten.

Auf der anderen Seite gilt auch: Von einer lebenswerten Welt können wir nur dann reden und handeln, wenn wir etwas Persönliches beitragen zu einer besseren Welt. Es freut uns einfach, wenn jemand uns respektvoll behandelt, in Würde und mit offenem Herzen uns begegnet. An dieser Welt bauen wir noch immer. Es geht also um unsere Zukunft.

Auch Jesus geht es um die Zukunft. Es ist ein guter Rat, den Jesus hier ausspricht: „Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist.“ Es ist nicht alles gut und richtig, was ich oder andere machen, es können Fehler unterlaufen. Jesus fordert uns auf, barmherzig damit umzugehen, mir selbst und auch anderen gegenüber. Das bedeutet nicht, dass ich alles in Ordnung finde und billige. Das heißt aber, dass ich mich selbst und andere Menschen achte. So können wir Barmherzigkeit modern verstehen: mit Achtung und Würde anständig miteinander umgehen. Damit wir nicht auf die Vergangenheit festgelegt werden, sondern die Zukunftsperspektive im Blick haben, was alles an Gutem noch werden kann.

In seiner Barmherzigkeit, mit der Gott mir entgegenkommt, nimmt mich Gott in Liebe an. Gott erwartet aber auch ein entsprechendes Verhalten, wie Jesus es verdeutlicht: So wie wir selbst handeln, so wird eines Tages Gott an uns handeln. Noch immer ermöglicht Gott uns einen neuen Anfang: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag“ (Evang. Gesangbuch, Nr. 440). Das bedeutet Lebensgewinn, denn damit lässt Gott uns teilhaben an seiner Zukunft, in der wir für immer gut aufgehoben sind.

Pfarrer Jörg-Michael Bohnet