GOTTESDIENST ALS FEST

Die Kirche befriedigt nicht Bedürfnisse,
                        sie feiert das Geheimnis Gottes.  

  • „Ich genieße die Ruhe und Besinnung“.
  • „Mir gefallen die Lieder und die Musik“.
  • „Ich möchte in der christlichen Gemeinschaft sein“.
  • „Allein schon der Raum spricht mich an“.
  • „Es ist so feierlich“.
  • „Mein Glaube wird erneuert“.
  • „Die Rede bewegt mich. Das höre ich die ganze Woche sonst nicht“.
  • „Ich brauche Hoffnung, einen Ausblick über den Alltag hinaus“.
  • „Es ist ein Ort der freundlichen und aufmerksamen Begegnung“.
  • „Für mich ist der Segen entscheidend“.
  • „Der Gottesdienst ist meine Heimat.“

So bringen es verschiedene Gemeindeglieder auf den Punkt, wenn sie gefragt werden, warum sie sonntags den Gottesdienst besuchen. Und damit stehen sie nicht allein. Menschen suchen Auszeiten, Zeiten für sich selbst und für Gott. Der Gottesdienst ist so eine heilsame Unterbrechung des Alltags. In der Arbeitswoche haben wir Leistungen zu erbringen, sind Werktätige im Beruf, in der Familie und in der Freizeit. Die gottesdienstliche Feier ermöglicht die Begegnung mit Gott und die Gemeinschaft untereinander, indem wir zum Empfangenden werden: „Ob wir noch einmal anfangen werden, nicht nur mit Ernst, sondern mit Freuden … Christen zu sein? Ob wir aus Handelnden und Habenden noch einmal zu Seienden werden, die staunend ihrer selbst ansichtig werden?“ So fragt der evangelische Theologe Eberhard Jüngel, der darauf hinweist, dass wir nicht nur Habende, sondern auch Seiende sind.

In dem deutschen Wort „Gottesdienst“ klingt ein dialogisches Geschehen an: Gott dient uns und wir dienen ihm. So wie wir sind und uns fühlen, wenden wir uns an Gott. Mit allem, was uns bewegt und umtreibt. Gott wendet sich uns zu, indem er durch sein Wort uns anspricht, uns Mut zuspricht und unser Vertrauen stärkt. Oder uns auch einmal in Frage stellt, damit wir eine neue Perspektive bekommen. Martin Luther hat diesen doppelten Charakter des Gottesdienstes bei einer Predigt 1544 anlässlich der Einweihung der Schlosskirche in Torgau, die die Reisegruppe „Auf Luthers Spuren“ vor zwei Wochen besichtigt hat, wie folgt beschrieben: In diesem Gotteshaus soll „nichts anderes geschehen, als dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“. Diese Beschreibung des Gottesdienstes darf nicht eindimensional aufgefasst werden.

Der Gottesdienst ist eine Feier, in der Freude und Dankbarkeit, aber auch Sorgen und Trauer, zum Ausdruck gebracht werden können. Wir werden nicht nur mit unserem Verstand, sondern mit allen Sinnen angesprochen. Manche Gottesdienste sind besonders festlich, musikalisch und fröhlich ausgestaltet. Die Ostergottesdienste beispielsweise werden gut angenommen. Beim Osterfrühstück kommt man miteinander ganz zwangslos ins Gespräch.

Allerdings machen wir als Gemeinde auch die Erfahrung, dass manche Formen der gottesdienstlichen Feier fremd geworden sind. Die Liturgie des sonntäglichen Gottesdienstes im Ablauf von Liedern, Psalm, Gebete und Predigt versteht sich nicht mehr von selbst für diejenigen, die nur selten dabei sind. Die Sprache ist anders als im Alltagsleben. Die Musik und die Lieder sind ungewohnt. Stammt der normale sonntägliche Predigtgottesdienst nicht aus alter und längst vergangener Zeit? Wir leben schließlich in einer modernen Gesellschaft, in der man am Event interessiert ist. Die Menschen in unserer Zeit zieht es dorthin, wo sowieso schon alles aus den Nähten platzt, in riesigen Arenen, die einen Massenandrang haben.

Wir bemerken in der Himmelsleiter: Jenseits der Normalform des württembergischen Gottesdienstes kommen mehr Gemeindeglieder. Dem Kirchengemeinderat und uns Pfarrerinnen und Pfarrer in der Himmelsleiter ist es deshalb wichtig, trotz des Pfarrplanes (siehe nächste Seite) das Spektrum der Gottesdienste noch farbiger zu gestalten.

Zum einen wird schon seit längerer Zeit die Grundform des Gottesdienstes variiert. Die Zeitungen fotografieren meist leere Kirchen und das hat sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit festgesetzt. Wir erleben aber in unserer Gemeinde gottesdienstliche Feiern, bei denen die Kirchen voll oder zumindest sehr gut besucht sind. Die bunten Familiengottesdienste mit Kindern erfreuen sich einer regen Teilnahme. Gottesdienste an den biographischen Höhepunkten sind gefragt: am Heiligen Abend oder zum Schulbeginn, bei Taufen oder bei der Trauung oder anlässlich der Konfirmation. Das Kirchenjahr von Advent bis zum Ewigkeitssonntag bietet insgesamt vielfältige Anlässe einen Gottesdienst mitzufeiern.

Zum anderen sollen verstärkt aktuelle Themen in den Vordergrund gerückt werden. Neue Zugangsformen sind zu entwickeln, indem beispielsweise Elemente aus Filmen oder auch Pop-Musik aufgegriffen werden. Hierzu bedarf es der Kreativität und der Muße sowie weiterer Mitwirkender, diese Gottesdienste anspre- Gottesdienst als Fest Die kirche befriedigt nicht Bedürfnisse, sie feiert das Geheimnis Gottes. Juni / Juli 2018 3 chend zu feiern. Das Interesse einer erheblichen Anzahl von Gemeindegliedern an anderen Gottesdienstformen ist fruchtbar zu machen.

Gemeinsam ist diesen verschiedenen Formen, dass der Gottesdienst das Herzstück der christlichen Gemeinde ist. Dabei können die Gebete und die Verkündigung, Lesungen aus der Bibel und die Musik unterschiedlich angeordnet und neu thematisch gefasst sein. Wichtig dabei ist, dass Jesus Christus in der Mitte unseres Glaubens steht. Die ersten Christen versammelten sich und feierten schon sehr bald den Gottesdienst am Sonntag. Der Sonntag steht am Beginn der Woche und ist eine Folge davon, dass an diesem Tag die Auferstehung Jesu Christi von den Toten erfolgt ist. So feiern wir den Gott, der Jesus Christus auferweckt hat, als Geheimnis des Lebens. Die Freude daran und an uns selbst ist eine Wirkung des Geistes Gottes, in dessen Ausstrahlungskraft wir uns als Gemeinde finden und gemeinsam den Gottesdienst feiern.

Pfarrer Jörg-Michael Bohnet