Die kleine Himmelsleitergeschichte 6/2020

Wieder hat mir eine Leserin unseres Gemeindebriefs ein Himmelsleiterbild aus ihrem Urlaub zukommen lassen. Vielen Dank!
Im Jahre 1900 hatte der Schwarzwald- und Verschönerungsverein in Schiltach zur touristischen Erschließung des Schlossberges eine Treppe mit 54 Stufen erbaut, die den Namen Himmelsleiter erhalten hat. Überhaupt lohnt sich ein Ausflug ins romantische Kinzigtal und in das sehenswerte Schiltach. Die Himmelsleiter ist hier als Teil eines Rundweges mit der Aussicht vom Schlossberg ausgeschildert.
Eine Himmelsleiter als Rundweg ist gar nicht so leicht vorstellbar; denn bei einer Himmelsleiter überwiegt die Vorstellung, dass es geradewegs nach oben zu gehen hat. Doch andererseits kennen wir auch „Rundwege“ in unserem alltäglichen Leben. „Ich drehe mich nur noch im Kreise“ oder „ich komme mir vor wie in einer Tretmühle“, sind doch sehr bekannte Redewendungen, die überhaupt nicht auf ein geradliniges Leben oder einen Aufstieg nach oben schließen lassen. Noch schlimmer kommt es, wenn wir von einem Teufelskreis sprechen. Aus solch einem wieder heraus zu kommen, ist ohne fremde Hilfe meistens gar nicht möglich. Durch die Corona-Bestimmungen fühlen sich viele Menschen eingeschränkt wie ein Tiger im Käfig, der sich auch nur auf engstem Raum bewegen kann und vergeblich das rettende Loch im Zaun sucht. Einfach heraustreten aus dem, was mich einschränkt, ist leichter gesagt als getan. Wenn dieses Heraustreten auch rein körperlich oder bedingt durch die Lebensumstände nicht möglich sein sollte, so stehen dennoch dem Weiten des Blickes oder der Suche nach neuen Horizonten nichts im Wege.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, heißt es in einem Psalm. Gott möchte nicht, dass wir eingesperrt in unseren eigenen Zwängen verkümmern sollen. Er ermuntert uns, den Blick zu weiten und nicht nur auf unsere eigenen Sorgen und Ängste zu schauen. Gerade in unserer Kirchengemeinde möchten wir, dass Menschen aus ihren Häusern heraus kommen, um sich in Gottesdiensten, Gruppen und Kreisen zu treffen, Gemeinschaft zu haben und sich gegenseitig zu erleben. Die Türen unserer Kirchen und Gemeindehäusern mögen wieder für alle geöffnet sein; doch unsere Herzenstüren müssen wir allerdings selbst öffnen, um unsere Tretmühlen verlassen zu können. Gott wird uns dabei helfen. Wenn wir uns im Gebet an ihn wenden, wird er uns immer Wege und Möglichkeiten für neue Horizonte eröffnen.

Das wünsche ich Ihnen von Herzen,
Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 5/2020 - Sonderausgabe Sommer

Über einer kleinen unscheinbaren Nebentür der gotischen Marktkirche in der alten und geschichtsträchtigen Kaiserpfalzstadt Goslar am Harz steht in bunten Buchstaben das Wort Himmelsleiter. Ob es hier zum Himmel geht? Natürlich nicht; denn hier geht es nur hinauf zum Turm. Steil und luftig gestaltet sich der Aufstieg über eine Holztreppe vorbei an altem Gemäuer und mächtigen Glocken. Der Blick auf die Stadt und die Höhen des Harzes ist fantastisch.

Das Foto mit der kleinen Pforte, das mir ein Freund zukommen ließ, weckt die Vermutung, dass der Weg zum Himmel eng sei. Jesus gebrauchte einmal das Bild von zwei unterschiedlichen Pforten. Viele entscheiden sich für die weite Pforte, sagte er, die auf breitem Weg zur Verdammnis führt. Andere dagegen wählen die enge Pforte und nehmen einen schmalen Weg auf sich, der zum Leben führt. Leider finden nur wenige den letzeren, meinte Jesus. Aus diesem Jesuswort aus Matthäus 7 Vers 13 entwickelten manche Menschen strenge und freudlose Lebensregeln, die darin gipfelten, dass man zum Lachen in den Keller zu gehen habe.

Jesus verordnet uns kein freudloses Leben. Uns sind von ihm nicht nur Lebensfreude und Lachen sondern auch die Freiheit in allen Entscheidungen geschenkt. Doch nicht alles, was uns angeboten wird, ist zu unserem Wohl. Die schmale Pforte will uns lehren, dass zu unseren Entscheidungen auch die Prüfung gehört, wes Geistes Kind steckt hinter dem Angebotenen und ist es gut und nützlich oder schädlich und verwerflich. Entscheidungen fallen uns oftmals nicht leicht; denn unsere Welt lässt sich nicht einfach in gut und böse oder in schwarz und weiß einteilen. Die vielen unterschiedlichen Grautöne und Schattierungen machen ja unser Leben aus. Das lesen wir auch in der Bibel. Manche Entscheidung stellt sich im Nachhinein als falsch heraus, andere wiederum als goldrichtig. Das Gute ist, dass wir für die falschen Entscheidungen Gott um Vergebung bitten dürfen und diese auch bekommen. Doch sollten wir nicht vergessen, für die goldrichtigen Gott zu danken. Der bunte Schriftzug über der kleinen Türe erinnert an den Regenbogen als Zeichen für den Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen und durch Jesus erneuert hat. Trotz allem, was passiert ist: Es gibt von ihm Umkehr, Vergebung und ewiges Leben.

Gehen Sie behütet Ihren Weg,
Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 4/2020 - Sonderausgabe Pfingsten

© FOTO@weinfranz

Gibt es einen Ort, an dem Sie sich dem Himmel besonders nahe fühlen? Oder erlebten Sie schon mal ein Stück „Himmel auf Erden“? Kirchen, Berge, Pilgerziele oder Wallfahrtsorte können solche Orte sein. Mariazell ist der wichtigste und bekannteste Wallfahrtsort Österreichs. Damit die Wallfahrer sicher und unbeschwert dorthin gelangen können, wurde vor über 100 Jahren eine elektrische Schmalspurbahn von St. Pölten an der Donau bis zum tief in den Bergen liegenden Mariazell eröffnet. Nachdem die Züge in die Jahre gekommen sind und das Bähnle immer mehr an Attraktivität verloren hatte, wurden im Zuge einer Modernisierung neue komfortable Triebwagenzüge angeschafft, die den denkwürdigen Namen „Die Himmelstreppe“ erhalten haben. Vom Zug aus lässt sich ein herrliches Alpenpanorama erleben, als dessen markantester Punkt der 1893 m hohe Ötscher heraussticht. Ein steiler Pfad auf diesen Berg trägt den Namen „Himmelsleiter“. Es scheint so, dass für die Menschen dieser Gegend der Himmel eine besondere Bedeutung hat. Ist es die Sehnsucht, dem Himmel ein Stück näher kommen zu wollen?

Während die Besteigung der Himmelsleiter des Ötschers ein anspruchsvolles und schweißtreibendes Unterfangen ist, erweist sich eine Fahrt mit der „Himmelstreppe“ als ein bequemes und angenehmes Erlebnis. Verhält es sich bei unserer Suche nach Gott nicht ähnlich? Den einen fällt der Glaube leicht und ohne Hindernisse zu, und andere erleben ihren Glaubensweg eher als ein mühsames Treppensteigen oder sogar als einen Balanceakt auf einer wackeligen Leiter. So unterschiedlich wir Menschen sind, so verschiedenartig sind auch unsere Wege zu Gott. Doch eines gilt für alle gleichermaßen: Wir sind auf diesem Weg niemals allein; denn Jesus ist immer an unserer Seite. Er sagt: Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Dann ist es auch unwesentlich, ob wir uns zu diesem einen Ziel hin auf einer Autobahn oder einer Holperpiste, einer Treppe oder auf einer Leiter befinden. Das Ziel ist immer dasselbe: Der Himmel oder, wie Jesus es nennt, das Reich Gottes.

Seien Sie immer behütet und gesegnet unterwegs,

Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 3/2020 - Sonderausgabe Ostern

Was können die Folgen eines Diebstahls sein? Vor etwa 2 Jahren wurden die Wegmarkierungen vom Himmelsleiterweg in Brohl-Lützing, einem Ort am Rhein in Rheinland-Pfalz, von Souvenirjägern entwendet, sodass wanderfreudige Menschen in die Irre geleitet wurden und den steilen Himmelsleiterweg nicht mehr finden konnten. Das Ziel wurde nicht erreicht, und so fand manche Wanderung ein jähes Ende.
Sorgen um einen Diebstahl trieben auch Menschen vor 2000 Jahren um, nachdem Jesus am Kreuz gestorben und in ein Felsengrab gelegt worden war. Die Pharisäer erreichten bei Pilatus eine Bewachung des Grabes, damit die Jünger nicht den Leichnam stehlen könnten und dies dann als seine Auferstehung verkünden würden. Als am Ostermorgen in aller Frühe die Jüngerinnen zum Grab kamen und Jesus nicht fanden, dachten sie zuerst, dass der Leichnam entwendet worden sei; denn wirklich: Das Grab war leer. Ein Diebstahl? Verunsicherungen blieben nicht aus, obwohl Jesus den Jüngerinnen und Jüngern seine Auferstehung angekündigt hatte. Dennoch stellten sich bange Fragen ein: Jesus weg, alles aus? Der hoffnungsvolle Weg zu Ende? Wie geht’s weiter?
Dann aber kam die entscheidende Wende, als sich Jesus als Auferstandener den Seinen zeigte. Er begegnete ihnen an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Situationen. Oftmals erkannten sie ihn erst auf den zweiten Blick. Aber sie konnten glaubten, weil sie ihn sahen, hörten und erlebten. Diese frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu behielten sie, Gott sei gedankt, nicht für sich. Bis zu uns und in fast alle Ecken unserer Welt hat sie den Weg in offene Herzen gefunden. Die Auferstehung
ist und bleibt eine Glaubensfrage, dass das Leben den Tod besiegt hat, Hoffnung die Angst und das Vertrauen die Trostlosigkeit. Kein jähes Ende sondern ein hoffnungsvoller und segensreicher Neuanfang hat uns Jesus beschert.

Gehen Sie mit seinem guten Segen in die kommende Zeit,
Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 2/2020

Wussten Sie, dass unser Kirchenbezirk Zuffenhausen seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit zwei Gemeinden im Nahen Osten unterhält? Die eine Gemeinde befindet sich in Haifa (Israel) und die andere in Ramallah, dem Sitz der palästinensischen Autonomieverwaltung. Ramallah war einst fast nur von arabischen Christen bewohnt, von denen sich etliche zur St. Andrew´s Episcopal-Church zählen. In dieser unserer Partnerkirche entdeckte eine Leserin unseres Gemeindebriefes ein buntes Glasfenster mit einer Himmelsleiter. Nicht weit von Ramallah entfernt liegt Bethel, der Ort, an dem Jakob seinen Traum von der Himmelsleiter hatte. Gerade in dieser Gegend träumen die Menschen von besseren Zeiten. Nach einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage, nach mehr Freizügigkeit und nach einer sorgloseren Religionsausübung sehnt sich die christliche Minderheit im Heiligen Land.

In der Weltpolitik wird oft und gern über Konfliktlösungen und dauerhaftem Frieden debattiert; doch ein Patentrezept hat noch niemand gefunden. Ausgerechnet im Land, in dem Jakob seinen Himmelsleitertraum hatte und aus dem der weise König Salomo und nicht zuletzt der Messias und Gottessohn Jesus stammten, gestaltet sich das Zusammenleben der Menschen so schwierig. Hat Gott seinen Segen diesem Landstrich entzogen? Gewiss nicht! Auch wenn die Medien fast ausschließlich nur von Anschlägen, gewalttätigen Übergriffen oder brennenden Autoreifen berichten, so hören wir nur selten von den vielen kleinen friedenstiftenden Aktionen, den persönlichen Begegnungen und Freundschaften sowie von selbstlosen humanitären Ereignissen zwischen den Bevölkerungsgruppen und Religionen, die es - Gott sei gedankt – auch gibt.

So wie Gott auf dich und mich achtet und seinen Segen uns schenkt, so wirbt er auch dort, wo Hass und Unfriede herrschen, auf IHN zu schauen und IHM zu vertrauen. Die Himmelsleiter kann uns dabei eine Hilfe für unseren Blick nach oben sein. Wer aus seinen eigenen menschlichen Niederungen auf Jesus schaut, wird etwas von Gottes Größe, Liebe und Wirken spüren. Dort, wo Menschen nicht mehr weiter wissen, ist bei IHM noch alles möglich. Aber beten können wir, auch für die Menschen im Himmelsleiter-Land.

Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 1/2020

„Ich heiße Jakob, wie der mit der Himmelsleiter“, war die Antwort des siebenjährigen Jakobs aus Weimar an die 14-jährige Ida, als sich beide damals im Jahr 1814 auf der Suche nach etwas Essbarem trafen. Jakobs ledige Mutter und auch die Großeltern waren gestorben; aber seinen französischen Vater, der mit
den Truppen Napoleons nach Weimar gekommen war, musste es wohl noch geben! Die Mutter wusste, dass er zurückkommen und sie heiraten würde. Eine Bibel, die Jakob wie einen Schatz hütete, hatte sie ihm hinterlassen und an der Stelle mit der Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter einen Brief für ihn hineingelegt. Ja, die Himmelsleiter wollte er finden und lesen und schreiben wollte er lernen. Wie viele andere Waisen- und Straßenkinder fand Jakob Aufnahme im Haus vom „Guten Herrn Rat“, dem Legationsrat Johannes Falk und seiner Ehefrau Caroline, die segensreich in und um Weimar wirkten. Hier konnte Jakob die Schule besuchen und sogar Französisch lernen.

Eine andere Geschichte aus dem Hause Falk erzählt von einem Pflegekind mit italienischen Wurzeln, das einmal ein altes sizilianisches Marienlied vor sich hin summte. Davon war Vater Falk, wie er von den Kindern genannt wurde, so angetan, dass er dazu ein Dreifeiertagslied dichtete. „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit …“ sang die große Kinderschar erstmals zu Weihnachten 1815 im Falk’schen Haus. Bei „Welt ging verloren, Christ ist geboren…“ spürte Jakob, dass auch er verloren war und jetzt wieder ein Zuhause bekommen hatte. Sicherlich wird er noch die Himmelsleiter und vielleicht auch seinen Vater finden.

Rettung aus dem Verlorensein, Versöhnung mit Gott und Menschen sowie Gotteslob mit Stimmen aus himmlischen und irdischen Chören sind die Botschaften aus diesem Lied, das wir wieder an Weihnachten voll Freude singen werden. Wie wichtig diese Botschaften doch sind!

Die ganze Geschichte von „Jakob sucht die Himmelsleiter“ steht im gleichnamigen Buch von Dietlind Steinhöfel, das im Wartburg Verlag Weimar erschienen ist und sich für ein schönes und sinnvolles Weihnachtsgeschenk bestens eignet.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen

Ihr Heiner Leiterle