Die kleine Himmelsleitergeschichte 5/2018

„Steil bergauf!“ Denken Sie da nicht zuerst an einen steilen und beschwerlichen Steig oder vielleicht an die steile berufliche Karriere eines Senkrechtstarters? Dabei stellen Sie fest, dass beides nicht unbedingt Ihre Sache ist. Das Gegenteil dazu wäre ein langer, nur leicht, aber stetig ansteigender Weg nach oben. Könnten Sie sich mit einer solchen Durststrecke eher anfreunden? Rein physikalisch gesehen ist es egal, ob es kurz und steil oder lang und flacher nach oben geht; denn die zu verrichtende Arbeit ist dieselbe und das angestrebte Ziel ohnehin. Auch im Glaubensleben kommt es auf das Ziel an. Die Wege dorthin können unterschiedlicher nicht sein. Umwege, Rückschritte, steile und flache Passagen wechseln sich ab. Kurz: Viele Wege sind möglich, um ein und dasselbe Ziel zu erreichen; denn den sogenannten Königsweg gibt es nicht.
Der britische Schriftsteller und Talkshow- Moderator Adrian Plass, der auch in Deutschland mit seinem Buch „Tagebuch eines frommen Chaoten“ bekannt geworden ist, beschrieb in seiner 1992 auf Deutsch erschienenen Biographie seinen außergewöhnlichen und mit Konflikten und Glaubenskrisen durchsetzten Lebensweg unter dem Titel „die steile himmelsleiter – Eine ehrliche Biographie“. Adrian Plass´ Wege war gekennzeichnet durch steile und gefährliche Abschnitte sowie durch Zeiten des Zweifelns aber auch des Erfolges. Seine Begegnungen und Gespräche mit faszinierenden Menschen lassen ihn Auswege aus der Krise finden. Seine Frau Bridget und seine vier Kinder gaben ihm einen familiären Halt. Sein Humor zeigt sich, wie er seine Gottesbeziehung formuliert, aber auch wie er z. B. Gemeindeglieder ironisch überspitzt darstellt und wie er von sich selbst als dem frommen Chaoten spricht. Es entstand eine stattliche Fangemeinde. Seine Bücher besaßen zuweilen Kultstatus. Am Ende seiner Biographie verrät er das Geheimnis seines Erfolgs: "Seid misstrauisch gegenüber allen Patentlösungen, die man
euch anbietet; aber haltet aus – ER wird euch retten."

Herzliche Grüße,
Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 4/2018

„Warum in die Ferne schweifen? - Sieh, das Gute liegt so nah.“ Frei nach J. W. von Goethe möchte ich Sie mit diesem Sprichwort zu einem Naherholungsgebiet mit vielen Sehenswürdigkeiten einladen. Die
Stadt Besigheim heißt alle willkommen auf dem Felsengarten-Rundwanderweg zur „Schönsten Weinsicht“. Doch, um die herrliche Aussicht auf Besigheim, die Enz und die steilen Weinberge  genießen zu können, muss zuerst die Himmelsleiter erklommen werden. Durch einen tiefen Hangeinschnitt führen 411 Stäffele 60 Meter steil bergauf zum Panoramaweg mit seiner einzigartigen
Aussicht. Eine Besichtigung der hübschen Altstadt von Besigheim und ein gutes Viertele Besigheimer Weines sollten Sie sich auch nicht entgehen lassen, zumal Besigheim mit dem VVS halbstündlich zu erreichen ist.
Bei einem Gang durch die Weinberge fallen mir unwillkürlich diejenigen Bibelstellen ein, in denen der Wein eine Rolle spielt. Im Psalm 104 heißt es so schön: „Der Wein erfreue des Menschen Herz“ und im Buch Prediger, das auch Kohelet genannt und dem König Salomo zugeschrieben wird, lesen wir: „Trink deinen Wein mit frohem Herzen“. Jedoch finden wir auch nachdenkliche Beispiele für den übermäßigen Genuss bei Lots Töchtern und bei Noah, die uns Mahnungen sein sollen. So warnt auch der Apostel Paulus in seinen Briefen die jungen Gemeinden, dass sie sich nicht mit Wein berauschen sollen. Doch die eindrücklichste Geschichte ist immer noch die vom ersten Wunder von Jesus, als er bei der Hochzeitsfeier in Kana Wasser in Wein verwandelt hatte, als damals der Wein ausgegangen war. Der Wein zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Christentums; denn bei der Abendmahlsfeier begegnet uns Jesus mit seinem Leib und seinem Blut in Form von Brot und dem Saft der Weinrebe. Wenn Sie es genau wissen wollen, was Sie im Himmel erwarten wird, dann lesen Sie im Matthäus-Evangelium Kapitel 26, Vers 29.

Einen schönen und gesegneten Sommer wünscht Ihnen
Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 3/2018

Zum Aufsuchen einer neuen Himmelsleiter unternahm ich vor einem Jahr auf meiner Rückreise aus Österreich einen Abstecher in den Bayerischen Wald. Die Himmelsleiter des 1373 m hohen Lusen war mein Ziel. Der Wanderweg führte bei trübem nasskaltem Wetter über Schneematsch und einen aufgeweichten Wanderweg durch einen geradezu gespenstigen Wald. Überall standen die grauen Stämme abgestorbener Fichten. Die letzten 150 Höhenmeter ging es über grobe Stufen aus unbehauenen Granitblöcken die Himmelsleiter steil bergauf direkt auf das Gipfelkreuz zu. Die großartige Aussicht bis weit hinein nach Bayern und Tschechien zeigte jedoch das ganze Ausmaß eines riesigen Waldsterbens, das in 1995 der Borkenkäfer verursacht hatte. Doch die Nationalparkverwaltung griff nicht ein, weil sich die Vegetation selbst erholen sollte. Und wirklich, überall zwischen dem toten Holz sprießt das frische Grün neuer Nadelbäumen hervor.
Da fiel mir unwillkürlich das Bibelwort aus Johannes 12 Vers 24 vom ersterbenden Weizenkorn ein, ohne das es kein neues Wachstum gibt. Möchten wir nicht allzu gerne Liebgewordenes festhalten und möglichst nichts verlieren und stehen uns dabei zuweilen nur selbst im Wege? Loszulassen, damit Neues entstehen und wachsen kann, ist gar nicht so leicht. Auch unser Glaube wird auf die Probe gestellt, wenn es angesagt ist, alte Gewohnheiten abzulegen, anderen zu verzeihen oder den ersten Schritt zu einer Annäherung zu wagen. Jesus zeigt uns den Weg dazu auf und geht uns voran. Mit ihm an unserer Seite wird neues frisches Grün unseren Lebensweg säumen und unsere Seele wird Wohltuendes empfangen. Erfreuen Sie sich in diesem Frühling wieder an den Blumen und dem Grünen der Bäume und danken Sie Gott für alle diese Schönheiten der Natur.

Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 2/2018

"Ich wüsste dir eine kleine Himmelsleitergeschichte", überraschte mich freudig meine Frau und gab mir einen Artikel über ein szenisches Oratorium mit dem Titel "Die Himmelsleiter" zulesen. "Und die Eintrittskarten übernehme ich", fügte sie noch hinzu.
Letztes Jahr am Reformationstag fand die Aufführung im Wilhelma-Theater statt. Hans-Christian Hauser aus Isny im Allgäu,der an der Hochschule für Musik und Theater in München lehrt, komponierte, inszenierte und dirigierte dieses Bühnenstück anlässlich des 29. Isny Opernfestivals. In 13 Szenen stellte er Texten von Franz Kafka 11 Bibelstellen sowie 2 Textstellen aus islamischen Büchern gegenüber. Bei Kafka, so der Künstler, erscheint alles menschliche Bemühen als aussichtslos, verstrickt, verhangen und verrätselt. In der Bibel hingegen wird den Menschen Gnade geschenkt, die wie Sonnenstrahlen einen wolkenverhangenen Himmel durchbricht. Die Gnade Gottes als eine derThesen Martin Luthers passte zum Reformationsjubiläum. Die Szenen begannen mit eher distanzierten Gottesbegegnungen,die dann später von immer mehr Nähe handelten und mit der Vision der Himmelsleiter ihren krönenden Abschluss fanden. Dazu sollte mit der eigenartigen Musik der Zauber der unvermittelten Gottesbegegnung zum Ausdruck gebracht werden. Es warfür mich nicht immer leicht, die Verbindungen zwischen Kafka-Texten, Bibelworten und Szenenüberschriften einerseits und den Choreografien und den Tönen andererseits nachzuvollziehen.
Kunst kann auch mal ziemlich kompliziert erscheinen, weil sich uns nicht alles sofort erschließen will. Aber Gnade wird uns zuteil, wenn wir es gar nicht erwarten. Gnade können wir nicht kaufen oder uns selbst schaffen; denn sie ist ein unverhofftes Geschenk Gottes. Wir dürfen darum beten und darauf hoffen. Spektakuläre Gottesbegegnungen werden den wenigsten Menschen geschenkt; aber durch meine eigene Gottesbeziehung erfahre ich die Gnade Gottes. Durchs Gebet erlebe und pflege ich meine Beziehung zu Gott. Das ist meine eigene Himmelsleiter, die bis ins ewige Leben reicht und zur Begegnung mit Gott führt. Kompliziert oder doch ganz einfach?

Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 1/2018

„Aufstiege“ lautete das Thema beim Lichtkunstfestival der KulturRegion Stuttgart im Herbst 2016. Eine der Installationen, die nach Einbruch der Dunkelheit leuchteten, trug den Namen „Himmelsleiter“ und stand auf der Aussichtsplattform im Stuttgarter Weißenburgpark. Der Künstler Kurt Laurenz Theinerts aus unserer Stadt schuf eine etwa 8 m hohe Leiter mit abwechselnd blinkenden Sprossen. Dem Beobachter bot sich ein scheinbar chaotisch bewegter Zustand, der die eigenen Sinne an ihre Grenzen geraten ließ. Und am Ende der Leiter scheint es nicht mehr weiterzugehen. Wirkliches Aufsteigen, so der Künstler, sei nur dem möglich, der sich der Sphäre des Transzendentalen öffnet.
Die vor uns liegende Zeit ist geprägt durch die vielen Kerzen, Lichterketten und Weihnachtsbäume, die uns die Advents- und Weihnachtszeit verschönern sollen. Sehnen wir uns in der kalten und dunkeln Jahreszeit nicht regelrecht nach Licht und Wärme? Eine heimelige Atmosphäre und stimmungsvolle Melodien wirken wohltuend für Herz und Gemüt. Auch unsere Gottesdienste strahlen eine besondere Feierlichkeit aus. Doch was kommt danach? Was kommt nach der letzten Leuchtsprosse jener Himmelsleiter? Auch wenn im Januar die Krippen, Engel und Sterne wieder abgebaut und eingelagert sind, lohnt es sich, den Blick auf das Weihnachtsgeschehen, als Gott im Stall von Bethlehem Mensch wurde, im Gedächtnis zu behalten. So endet auch unsere Verbindung zu Gott nicht auf der letzten Leitersprosse und Gottes Nähe hört auch nicht mit dem Verschwinden des letzten Christbaumes auf. Schauen wir nach oben, so wie es im Hebräerbrief heißt: „Aufblicken auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“. Wer IHM sein Herz öffnet, dem ist eine Beziehungzu Gott auch jenseits von Leiterende und Weihnachten geschenkt. Es lohnt sich.
Ich wünsche Ihnen beglückende Momente und gesegnete Stunden in der Advents- und Weihnachtszeit.

Ihr Heiner Leiterle