Die kleine Himmelsleitergeschichte 2/2018

"Ich wüsste dir eine kleine Himmelsleitergeschichte", überraschte mich freudig meine Frau und gab mir einen Artikel über ein szenisches Oratorium mit dem Titel "Die Himmelsleiter" zulesen. "Und die Eintrittskarten übernehme ich", fügte sie noch hinzu.
Letztes Jahr am Reformationstag fand die Aufführung im Wilhelma-Theater statt. Hans-Christian Hauser aus Isny im Allgäu,der an der Hochschule für Musik und Theater in München lehrt, komponierte, inszenierte und dirigierte dieses Bühnenstück anlässlich des 29. Isny Opernfestivals. In 13 Szenen stellte er Texten von Franz Kafka 11 Bibelstellen sowie 2 Textstellen aus islamischen Büchern gegenüber. Bei Kafka, so der Künstler, erscheint alles menschliche Bemühen als aussichtslos, verstrickt, verhangen und verrätselt. In der Bibel hingegen wird den Menschen Gnade geschenkt, die wie Sonnenstrahlen einen wolkenverhangenen Himmel durchbricht. Die Gnade Gottes als eine derThesen Martin Luthers passte zum Reformationsjubiläum. Die Szenen begannen mit eher distanzierten Gottesbegegnungen,die dann später von immer mehr Nähe handelten und mit der Vision der Himmelsleiter ihren krönenden Abschluss fanden. Dazu sollte mit der eigenartigen Musik der Zauber der unvermittelten Gottesbegegnung zum Ausdruck gebracht werden. Es warfür mich nicht immer leicht, die Verbindungen zwischen Kafka-Texten, Bibelworten und Szenenüberschriften einerseits und den Choreografien und den Tönen andererseits nachzuvollziehen.
Kunst kann auch mal ziemlich kompliziert erscheinen, weil sich uns nicht alles sofort erschließen will. Aber Gnade wird uns zuteil, wenn wir es gar nicht erwarten. Gnade können wir nicht kaufen oder uns selbst schaffen; denn sie ist ein unverhofftes Geschenk Gottes. Wir dürfen darum beten und darauf hoffen. Spektakuläre Gottesbegegnungen werden den wenigsten Menschen geschenkt; aber durch meine eigene Gottesbeziehung erfahre ich die Gnade Gottes. Durchs Gebet erlebe und pflege ich meine Beziehung zu Gott. Das ist meine eigene Himmelsleiter, die bis ins ewige Leben reicht und zur Begegnung mit Gott führt. Kompliziert oder doch ganz einfach?

Ihr Heiner Leiterle

Die kleine Himmelsleitergeschichte 1/2018

„Aufstiege“ lautete das Thema beim Lichtkunstfestival der KulturRegion Stuttgart im Herbst 2016. Eine der Installationen, die nach Einbruch der Dunkelheit leuchteten, trug den Namen „Himmelsleiter“ und stand auf der Aussichtsplattform im Stuttgarter Weißenburgpark. Der Künstler Kurt Laurenz Theinerts aus unserer Stadt schuf eine etwa 8 m hohe Leiter mit abwechselnd blinkenden Sprossen. Dem Beobachter bot sich ein scheinbar chaotisch bewegter Zustand, der die eigenen Sinne an ihre Grenzen geraten ließ. Und am Ende der Leiter scheint es nicht mehr weiterzugehen. Wirkliches Aufsteigen, so der Künstler, sei nur dem möglich, der sich der Sphäre des Transzendentalen öffnet.
Die vor uns liegende Zeit ist geprägt durch die vielen Kerzen, Lichterketten und Weihnachtsbäume, die uns die Advents- und Weihnachtszeit verschönern sollen. Sehnen wir uns in der kalten und dunkeln Jahreszeit nicht regelrecht nach Licht und Wärme? Eine heimelige Atmosphäre und stimmungsvolle Melodien wirken wohltuend für Herz und Gemüt. Auch unsere Gottesdienste strahlen eine besondere Feierlichkeit aus. Doch was kommt danach? Was kommt nach der letzten Leuchtsprosse jener Himmelsleiter? Auch wenn im Januar die Krippen, Engel und Sterne wieder abgebaut und eingelagert sind, lohnt es sich, den Blick auf das Weihnachtsgeschehen, als Gott im Stall von Bethlehem Mensch wurde, im Gedächtnis zu behalten. So endet auch unsere Verbindung zu Gott nicht auf der letzten Leitersprosse und Gottes Nähe hört auch nicht mit dem Verschwinden des letzten Christbaumes auf. Schauen wir nach oben, so wie es im Hebräerbrief heißt: „Aufblicken auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“. Wer IHM sein Herz öffnet, dem ist eine Beziehungzu Gott auch jenseits von Leiterende und Weihnachten geschenkt. Es lohnt sich.
Ich wünsche Ihnen beglückende Momente und gesegnete Stunden in der Advents- und Weihnachtszeit.

Ihr Heiner Leiterle