Die kleine Himmelsleitergeschichte

Mitten in Griechenland erheben sich mächtige Sandsteinfelsen mit hohen und steilen Wänden. In luftiger Höhe oben auf diesen Felsen haben ab dem 11. Jh. Mönche 24 Klöster und Einsiedeleien erbaut. Von diesen Meteora-Klöstern werden heute noch 6 bewohnt. Im Kloster Agios Stephanos leben Nonnen, von denen eine streng darauf achtet, dass in ihrer alten und mit Ikonen und Wandmalereien ausgeschmückten Kirche kein Tourist sein Handy oder seinen Fotoapparat zückt. Das fiel mir natürlich besonders schwer, nachdem ich eine Ikone mit einer Himmelsleiter entdeckt hatte. Sofort habe ich mir diese für eine neue Geschichte auserkoren. Ob ich in einem günstigen Moment schnell ein Bild schießen soll? Eigentlich würde ich damit niemandem schaden oder etwas wegnehmen. Aber da meldete sich mein Gewissen: „Willst du wirklich mit einem unrechtmäßig gemachten Bild zum Lobe Gottes eine Geschichte schreiben und verbreiten?“ Stimmt, das wäre nicht in Ordnung! Der Zweck heiligt nicht die Mittel. So nahm ich allen meinen Mut zusammen und erklärte der Nonne in meinem dürftigen Englisch, dass meine Kirche diesen Namen hätte, und bat sie, ausnahmsweise ein einziges Bild machen zu dürfen. Sie meinte nur „after“. Also nachher, verstand ich, wenn die Kirche leerer geworden ist. Dann gab sie mir einen Wink und so entstand dieses Bild.

„Das ist doch nicht so schlimm“, „ich habe doch niemanden geschädigt“, „der oder die wird das schon verkraften“, „diese Regel ist doch unsinnig“! So oder ähnlich versuchen wir oftmals, unser eigenes Tun zu rechtfertigen, wenn wir uns nicht richtig verhalten oder uns über Regeln hinwegsetzen. Meine Freiheit hört bekanntlich da auf, wo ich die Rechte und Belange anderer missachte. Oft merken wir zu spät, dass wir die Gefühle anderer „mit Füßen getreten“ und Menschen in ihrem Innersten verletzt haben. Dann ist es gut, wenn mich mein Gewissen plagt. Noch besser ist es, dass ich mein schlechtes Gewissen Gott hinlegen kann und ihn um Vergebung bitten darf. Und das Beste kommt zum Schluss: Gott schenkt mir Vergebung. Er richtet mich wieder auf, steht mir bei, wenn ich andere um Vergebung bitte, und er hilft auch mir zu vergeben, wenn ich verletzt worden bin.

Ihr Heiner Leiterle