Die kleine Himmelsleitergeschichte

"Ich wüsste dir eine kleine Himmelsleitergeschichte", überraschte mich freudig meine Frau und gab mir einen Artikel über ein szenisches Oratorium mit dem Titel "Die Himmelsleiter" zulesen. "Und die Eintrittskarten übernehme ich", fügte sie noch hinzu.
Letztes Jahr am Reformationstag fand die Aufführung im Wilhelma-Theater statt. Hans-Christian Hauser aus Isny im Allgäu,der an der Hochschule für Musik und Theater in München lehrt, komponierte, inszenierte und dirigierte dieses Bühnenstück anlässlich des 29. Isny Opernfestivals. In 13 Szenen stellte er Texten von Franz Kafka 11 Bibelstellen sowie 2 Textstellen aus islamischen Büchern gegenüber. Bei Kafka, so der Künstler, erscheint alles menschliche Bemühen als aussichtslos, verstrickt, verhangen und verrätselt. In der Bibel hingegen wird den Menschen Gnade geschenkt, die wie Sonnenstrahlen einen wolkenverhangenen Himmel durchbricht. Die Gnade Gottes als eine derThesen Martin Luthers passte zum Reformationsjubiläum. Die Szenen begannen mit eher distanzierten Gottesbegegnungen,die dann später von immer mehr Nähe handelten und mit der Vision der Himmelsleiter ihren krönenden Abschluss fanden. Dazu sollte mit der eigenartigen Musik der Zauber der unvermittelten Gottesbegegnung zum Ausdruck gebracht werden. Es warfür mich nicht immer leicht, die Verbindungen zwischen Kafka-Texten, Bibelworten und Szenenüberschriften einerseits und den Choreografien und den Tönen andererseits nachzuvollziehen.
Kunst kann auch mal ziemlich kompliziert erscheinen, weil sich uns nicht alles sofort erschließen will. Aber Gnade wird uns zuteil, wenn wir es gar nicht erwarten. Gnade können wir nicht kaufen oder uns selbst schaffen; denn sie ist ein unverhofftes Geschenk Gottes. Wir dürfen darum beten und darauf hoffen. Spektakuläre Gottesbegegnungen werden den wenigsten Menschen geschenkt; aber durch meine eigene Gottesbeziehung erfahre ich die Gnade Gottes. Durchs Gebet erlebe und pflege ich meine Beziehung zu Gott. Das ist meine eigene Himmelsleiter, die bis ins ewige Leben reicht und zur Begegnung mit Gott führt. Kompliziert oder doch ganz einfach?

Ihr Heiner Leiterle